Veröffentlicht am: 17. März 2026

Informationen und Beratung für Ministerien, Schulträger und Medienzentren
 
 

Lehrkräftemangel

„Wir brauchen eine kohärente Ausbildung auch für Quer- und Seiteneinsteigende“

Foto:
Prof. Friederike Korneck © Uwe Dettmar / Universität Frankfurt a.M.

Jede zehnte Lehrkraft ist über einen Quer- oder Seiteneinstieg in den Schuldienst gekommen. An Berufsschulen und in einigen Bundesländern ist der Anteil sogar deutlich höher. Wie gut gelingt den Neu-Lehrkräften der Unterricht und wie zufrieden sind sie an ihren Schulen? Prof. Friederike Korneck forscht an der Universität Frankfurt zum Thema und kennt die Antworten.


Was haben Lehrkräfte ohne klassisches Lehramtsstudium den grundständig ausgebildeten Lehrkräften voraus – und wo hinken sie hinterher?
Das kann ich nicht pauschal für alle Quer- und Seiteneingestiegenen sagen, weil sie über viele verschiedene Qualifizierungsprogramme an die Schulen kommen. Auch der Zeitpunkt, zu dem sie an die Schulen gehen, unterscheidet sich: Manche unterrichten bereits ohne Lehramtsstudium, andere gehen zuerst in den Vorbereitungsdienst. Wenn sie dann zusätzlich außerschulische Berufserfahrungen mitbringen, haben sie einen eindeutigen Vorteil. Solche Quereinsteigende sind erfahrungsgemäß an den Schulen schnell integriert, einige übernehmen sogar nach kurzer Zeit auch Schulleitungsposten.

Gibt es trotz der unterschiedlichen Zugänge Tendenzen, wie sich die beiden Gruppen unterscheiden?
Ich habe im Rahmen des Forschungsprojekts ProΦ vergleichend untersucht, wie sich reguläre und quereinsteigende Physiklehrkräfte in ihren Kompetenzen unterscheiden. Dabei hat sich gezeigt, dass das unterrichtsrelevante fachliche Wissen der Quereinsteigenden davon abhing, was sie vorher gemacht hatten. Zum Beispiel sind Chemiker oder Ingenieure, die Physik nur im Nebenfach studiert haben, sowohl im fachlichen als auch im fachdidaktischen Wissen deutlich schlechter aufgestellt als diejenigen, die beruflich viel mit Physik zu tun hatten. In der Studie MINT-Personal konnten wir auch bei unterrichtlichen Qualitätsmerkmalen Unterschiede feststellen, zum Beispiel schätzten die quereingestiegenen Lehrkräfte die Relevanz von kognitiv aktivierenden Lernanlässen geringer ein als die regulären Lehrkräfte. Es gibt aber auch viele Aspekte, in denen sich die Lehrkräfte verschiedener Professionalisierungswege kaum unterscheiden.

Wie können Schulleitungen dafür sorgen, dass die quer- und seiteneinsteigenden Lehrkräfte gut ins Kollegium integriert werden?
Die Schulkultur und die Unterstützung durch die Schulleitung spielen eine entscheidende Rolle für die Zufriedenheit der neuen Lehrkräfte. Wichtig ist, dass sie Ansprechpartner haben – und Zeit, um diese Unterstützung auch in Anspruch nehmen zu können. Besonders hilfreich ist, wenn sie sich regelmäßig mit jemandem zusammensetzen und zum Beispiel die Unterrichtsplanung besprechen können. Das ist aber im Schulalltag oft nicht machbar. Das Problem an vielen Schulen ist auch, dass es gar nicht mehr genug reguläre Lehrkräfte gibt, die die kollegiale Beratung übernehmen könnten. In solchen Fällen helfen regelmäßige Treffen und Austauschformate über mehrere Schulen hinweg.

Welche Qualifizierungswege haben sich bewährt?
Wenn Quereinsteigende Pädagogik und ein zweites Fach nachstudieren, gehen sie sehr gut qualifiziert in den Vorbereitungsdienst. Problematischer finde ich, wenn Seiteneinsteigende direkt in den Schuldienst gehen und parallel dazu ein paar Stunden an einer Qualifizierungsmaßnahme teilnehmen. In vielen Bundesländern zählt vor allem, die Lehrkräfte möglichst schnell in die Schulen zu bekommen. Dass es so viele unterschiedliche Quer- und Seiteneinstiegswege gibt, erschwert auch die Forschung sehr.

Im Laufe dieses Jahres will die Kultusministerkonferenz neue Standards für die Lehrkräftebildung vorstellen. Ich hoffe, dass diese Chance genutzt wird und die Länder den Föderalismus zugunsten einer besser abgestimmten Lehrkräftebildung etwas zurückzuschrauben. Wir brauchen eine kohärente Ausbildung auch für Quer- und Seiteneinsteigende.

Sollten Schulen auch ohne Lehrkräftemangel mehr Menschen aus anderen Berufen als Lehrkräfte beschäftigen?
Das kann sicher ein Gewinn sein. Mir macht aber auch Sorge, dass das Berufsbild von Lehrkräften immer weiter geschwächt wird. Der Beruf war einmal sehr attraktiv und in den Augen der Bevölkerung mit einem gewissen Respekt verbunden. Das wird im Moment sehr konterkariert, wenn der Eindruck entsteht: Lehrkraft kann eigentlich jeder. Deshalb ist für mich die zentrale Frage: Wie kann man den Beruf zusammen mit denjenigen, die ihn ausüben und damit etwas bewirken wollen, so ausgestalten, dass er wieder gern ergriffen wird und an Ansehen gewinnt?

In unserer Studie hatten wir ein interessantes Ergebnis zur beruflichen Zufriedenheit: Die Lehrkräfte hatten in einer Online-Befragung mehrheitlich angegeben, dass ihre Zufriedenheit hoch sei. In der dazugehörigen Interview-Studie kam das Gegenteil heraus. Auf den ersten Blick passte das also nicht zusammen. Nach genauerem Blick in die Daten deuten wir es so, dass die befragten Lehrkräfte in ihrem Haupttätigkeitsbereich – der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen – sehr zufrieden sind, während sie mit den Rahmenbedingungen ihrer Arbeit unzufrieden sind. Andere Studien kommen zu einem ähnlichen Ergebnis.

Greifen Sie doch einmal nach den Sternen: Wie müssten die Rahmenbedingungen sein, damit es richtig gut läuft?
An allererster Stelle wünsche ich mir eine abgestimmte, qualitätvolle und über einen längeren Zeitraum zuverlässige Qualifikation von Quereinsteigenden über alle Bundesländer hinweg. Darüber hinaus wäre es sinnvoll, wenn Schulen den Fachkollegien Zeitfenster für Kooperationen sowie gegenseitige Hospitationen freischaufeln könnten. Ohne ausreichende Kooperationszeitfenster kann man den Unterricht nicht gemeinsam weiterentwickeln, erst recht nicht, wenn die Lehrkräfte sehr verschiedene Qualifikationen mitbringen. Wünschenswert wären auch Räumlichkeiten, in denen man gemeinsam arbeiten kann. Zentral ist aber, dass an den Schulen keine Stellen abgebaut werden, wie aktuell in Hessen, wo rund 300 Stellen an den Gesamtschulen gekürzt werden sollen.

Zur Startseite Magazin
Zur Anmeldung Newsletter
 
 

Lehrkräftemangel

„Wir brauchen eine kohärente Ausbildung auch für Quer- und Seiteneinsteigende“

Foto:
Prof. Friederike Korneck © Uwe Dettmar / Universität Frankfurt a.M.

Jede zehnte Lehrkraft ist über einen Quer- oder Seiteneinstieg in den Schuldienst gekommen. An Berufsschulen und in einigen Bundesländern ist der Anteil sogar deutlich höher. Wie gut gelingt den Neu-Lehrkräften der Unterricht und wie zufrieden sind sie an ihren Schulen? Prof. Friederike Korneck forscht an der Universität Frankfurt zum Thema und kennt die Antworten.


Was haben Lehrkräfte ohne klassisches Lehramtsstudium den grundständig ausgebildeten Lehrkräften voraus – und wo hinken sie hinterher?
Das kann ich nicht pauschal für alle Quer- und Seiteneingestiegenen sagen, weil sie über viele verschiedene Qualifizierungsprogramme an die Schulen kommen. Auch der Zeitpunkt, zu dem sie an die Schulen gehen, unterscheidet sich: Manche unterrichten bereits ohne Lehramtsstudium, andere gehen zuerst in den Vorbereitungsdienst. Wenn sie dann zusätzlich außerschulische Berufserfahrungen mitbringen, haben sie einen eindeutigen Vorteil. Solche Quereinsteigende sind erfahrungsgemäß an den Schulen schnell integriert, einige übernehmen sogar nach kurzer Zeit auch Schulleitungsposten.

Gibt es trotz der unterschiedlichen Zugänge Tendenzen, wie sich die beiden Gruppen unterscheiden?
Ich habe im Rahmen des Forschungsprojekts ProΦ vergleichend untersucht, wie sich reguläre und quereinsteigende Physiklehrkräfte in ihren Kompetenzen unterscheiden. Dabei hat sich gezeigt, dass das unterrichtsrelevante fachliche Wissen der Quereinsteigenden davon abhing, was sie vorher gemacht hatten. Zum Beispiel sind Chemiker oder Ingenieure, die Physik nur im Nebenfach studiert haben, sowohl im fachlichen als auch im fachdidaktischen Wissen deutlich schlechter aufgestellt als diejenigen, die beruflich viel mit Physik zu tun hatten. In der Studie MINT-Personal konnten wir auch bei unterrichtlichen Qualitätsmerkmalen Unterschiede feststellen, zum Beispiel schätzten die quereingestiegenen Lehrkräfte die Relevanz von kognitiv aktivierenden Lernanlässen geringer ein als die regulären Lehrkräfte. Es gibt aber auch viele Aspekte, in denen sich die Lehrkräfte verschiedener Professionalisierungswege kaum unterscheiden.

Wie können Schulleitungen dafür sorgen, dass die quer- und seiteneinsteigenden Lehrkräfte gut ins Kollegium integriert werden?
Die Schulkultur und die Unterstützung durch die Schulleitung spielen eine entscheidende Rolle für die Zufriedenheit der neuen Lehrkräfte. Wichtig ist, dass sie Ansprechpartner haben – und Zeit, um diese Unterstützung auch in Anspruch nehmen zu können. Besonders hilfreich ist, wenn sie sich regelmäßig mit jemandem zusammensetzen und zum Beispiel die Unterrichtsplanung besprechen können. Das ist aber im Schulalltag oft nicht machbar. Das Problem an vielen Schulen ist auch, dass es gar nicht mehr genug reguläre Lehrkräfte gibt, die die kollegiale Beratung übernehmen könnten. In solchen Fällen helfen regelmäßige Treffen und Austauschformate über mehrere Schulen hinweg.

Welche Qualifizierungswege haben sich bewährt?
Wenn Quereinsteigende Pädagogik und ein zweites Fach nachstudieren, gehen sie sehr gut qualifiziert in den Vorbereitungsdienst. Problematischer finde ich, wenn Seiteneinsteigende direkt in den Schuldienst gehen und parallel dazu ein paar Stunden an einer Qualifizierungsmaßnahme teilnehmen. In vielen Bundesländern zählt vor allem, die Lehrkräfte möglichst schnell in die Schulen zu bekommen. Dass es so viele unterschiedliche Quer- und Seiteneinstiegswege gibt, erschwert auch die Forschung sehr.

Im Laufe dieses Jahres will die Kultusministerkonferenz neue Standards für die Lehrkräftebildung vorstellen. Ich hoffe, dass diese Chance genutzt wird und die Länder den Föderalismus zugunsten einer besser abgestimmten Lehrkräftebildung etwas zurückzuschrauben. Wir brauchen eine kohärente Ausbildung auch für Quer- und Seiteneinsteigende.

Sollten Schulen auch ohne Lehrkräftemangel mehr Menschen aus anderen Berufen als Lehrkräfte beschäftigen?
Das kann sicher ein Gewinn sein. Mir macht aber auch Sorge, dass das Berufsbild von Lehrkräften immer weiter geschwächt wird. Der Beruf war einmal sehr attraktiv und in den Augen der Bevölkerung mit einem gewissen Respekt verbunden. Das wird im Moment sehr konterkariert, wenn der Eindruck entsteht: Lehrkraft kann eigentlich jeder. Deshalb ist für mich die zentrale Frage: Wie kann man den Beruf zusammen mit denjenigen, die ihn ausüben und damit etwas bewirken wollen, so ausgestalten, dass er wieder gern ergriffen wird und an Ansehen gewinnt?

In unserer Studie hatten wir ein interessantes Ergebnis zur beruflichen Zufriedenheit: Die Lehrkräfte hatten in einer Online-Befragung mehrheitlich angegeben, dass ihre Zufriedenheit hoch sei. In der dazugehörigen Interview-Studie kam das Gegenteil heraus. Auf den ersten Blick passte das also nicht zusammen. Nach genauerem Blick in die Daten deuten wir es so, dass die befragten Lehrkräfte in ihrem Haupttätigkeitsbereich – der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen – sehr zufrieden sind, während sie mit den Rahmenbedingungen ihrer Arbeit unzufrieden sind. Andere Studien kommen zu einem ähnlichen Ergebnis.

Greifen Sie doch einmal nach den Sternen: Wie müssten die Rahmenbedingungen sein, damit es richtig gut läuft?
An allererster Stelle wünsche ich mir eine abgestimmte, qualitätvolle und über einen längeren Zeitraum zuverlässige Qualifikation von Quereinsteigenden über alle Bundesländer hinweg. Darüber hinaus wäre es sinnvoll, wenn Schulen den Fachkollegien Zeitfenster für Kooperationen sowie gegenseitige Hospitationen freischaufeln könnten. Ohne ausreichende Kooperationszeitfenster kann man den Unterricht nicht gemeinsam weiterentwickeln, erst recht nicht, wenn die Lehrkräfte sehr verschiedene Qualifikationen mitbringen. Wünschenswert wären auch Räumlichkeiten, in denen man gemeinsam arbeiten kann. Zentral ist aber, dass an den Schulen keine Stellen abgebaut werden, wie aktuell in Hessen, wo rund 300 Stellen an den Gesamtschulen gekürzt werden sollen.

Zur Startseite Magazin
Zur Anmeldung Newsletter
Zur Startseite Magazin
Zur Anmeldung Newsletter
Informationen und Beratung für Ministerien, Schulträger und Medienzentren