Demokratiebildung
„Wer sich nicht äußert, überlässt das Feld extremistischen Akteurinnen und Akteure“
Foto: Reina-Maria Nerlich © Sophia Carrara
Reina-Maria Nerlich ist Expertin für Demokratiebildung und Antidiskriminierung. Die ehemalige Lehrerin hat 2019 den Berliner Verein Duvia mitgegründet, seitdem führt sie mit ihrem Team demokratiepädagogische Projekte an Schulen durch. Hier erzählt sie, was Schulen dem Rechtsruck in wachsenden Teilen der Gesellschaft entgegensetzen können.
Wie arbeiten Sie mit Schulen zusammen?
Wir arbeiten, vor allem in Berlin, mit Schulen zu gesellschaftspolitischen Schwerpunktthemen zusammen. Alle Themen haben auch einen lebensweltlichen Bezug. Meistens gestalten wir punktuelle Projekttage, teils arbeiten wir sogar wöchentlich mit Schulen. Es geht darum, den Jugendlichen bewusst zu machen, dass Politik nicht nur etwas ist, das sie in den Nachrichten hören. Sie erfahren, dass Politik auch sie betrifft und dass sie mitmachen können. Für die anderen Berufsgruppen an Schulen bieten wir Fortbildungen an, zum Beispiel zu Antidiskriminierung oder zu Partizipation im Schulalltag.
Wie verbreitet ist Rechtsextremismus an Schulen?
Wir beobachten oft, dass Jugendliche rechtsextreme Narrative unhinterfragt übernehmen. Das dekonstruieren wir dann gemeinsam. Vereinzelt treffen wir auch auf Jugendliche, deren rechtsextremes Weltbild schon sehr verhärtet wirkt.
Gleichzeitig werden wir viel von Schulen angefragt, an denen eher die Ängste der Teilnehmenden vor Rechtsextremismus ausschlaggebend sind. Viele Lehrkräfte und Schulleitungen sind außerdem verunsichert. Sie fragen sich, ob sie sich zum Beispiel für Antidiskriminierung einsetzen dürfen. Ein Schwerpunkt in unserer Arbeit ist aktuell, da wieder Sicherheit zu vermitteln.
Wie machen Sie das?
In Fortbildungen schauen wir gemeinsam ins Schulgesetz und sprechen darüber, dass ein Einsatz für Demokratie – und damit auch gegen Diskriminierung – nicht zu politisch ist, sondern Teil des Bildungsauftrags. Um mehr Handlungssicherheit zu vermitteln, arbeiten wir auch mit Fallbeispielen.
Wie kann die Schulverwaltung unterstützen?
Die Schulverwaltung sollte noch klarer kommunizieren, dass Demokratiebildung zum Auftrag der Schulen gehört. Eine offizielle Mitteilung an die Lehrkräfte wäre hilfreich, im Sinne von: Wir stehen hinter euch, wenn ihr euch für die Demokratie und gegen Extremismus einsetzt. Denn viele Lehrkräfte sagen uns, dass sie sich aus politischen Diskussionen heraushalten, um nicht angreifbar zu werden. Aber nur, weil etwas in der Schule nicht besprochen wird, verschwinden ja die Fragen der Kinder und Jugendlichen nicht, zum Beispiel zu Dingen, die sie auf Social Media sehen. Wer sich nicht äußert, überlässt das Feld extremistischen Akteurinnen und Akteure. Hier kann die Schulverwaltung formelle Sicherheit vermitteln.
Welche Lernziele verfolgen Ihre Schulprojekte?
Wir arbeiten mit Kompetenzfeldern wie Perspektivwechsel, Ambiguitätstoleranz, in den Dialog treten oder Hinterfragen. Das Schöne an Demokratiebildung ist, dass man diese Kompetenzen mit jedem Thema fördern kann, das geht auch im Biologie- oder Sportunterricht. Wichtig finde ich, dass man den Kindern und Jugendlichen bewusst macht, warum diese Fertigkeiten in einer demokratischen Gesellschaft wichtig sind.

Im Duvia-Workshop lernen Schülerinnen und Schüler, was Politik für sie selbst bedeutet.
© Alushi Kanaan
Was läuft an Schulen bei der Demokratiebildung gut und wo gibt es Nachholbedarf?
An den meisten Schulen erleben wir einen sehr zugewandten Blick auf Kinder und Jugendliche, das ist gut. Demokratiebildung ist aber nicht überall gut verankert und nicht Teil der Lehramtsausbildung. Wenn ich etwa Biologie unterrichte, habe ich mich vielleicht in meiner gesamten Lehramtsausbildung nicht damit beschäftigt. Dabei ist Demokratiebildung eine Querschnittsaufgabe. Wir erleben oft, dass Lehrkräfte gern demokratiebildend arbeiten möchten, aber nicht wissen, wie.
In Sachsen-Anhalt könnte eine vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei die nächste Regierung stellen. Das macht vielen Schulen Angst. Was können Schulen sofort tun, um Rechtsextremismus etwas entgegenzusetzen?
Wenn Mitlieder der Schulgemeinschaft aufgrund der politischen Lage Angst haben oder im politischen Diskurs Abwertungen erfahren, dann sollten Schulen nach Innen Sicherheit, Schutz und Zugehörigkeit vermitteln, aber auch vor unbequemen Gesprächen miteinander nicht Halt machen. Erst einmal sollten sie also innerhalb der Schulgemeinschaft ins Gespräch kommen. Die verschiedenen Gruppen, das heißt, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und so weiter, können diskutieren, wie sie demokratische Grundsätze in ihren Schulalltag übertragen. Dann treffen sie Vereinbarungen und sind immer wieder kritische Kontrollinstanz füreinander.
Außerdem sollten sich Lehrkräfte trauen, Grenzen zu setzen. Viele lassen rechtsextreme oder rassistische Äußerungen stehen, weil sie kein riesiges Fass aufmachen wollen oder weil sie unsicher sind. Darüber müssen wir hinwegkommen und in solchen Fällen wertschätzend, aber klar sagen: Halt, Stopp, ich habe ein Problem mit dem, was du gerade gesagt hast, weil …
Was können Schulen mittelfristig tun?
Ich fände es sehr hilfreich, wenn die Schulen ihre Schulprogramme noch einmal durch die Brille „Demokratiebildung“ anschauen und gemeinsam überlegen, wie sie das Thema stärken und in den Unterrichtsalltag integrieren können. Auch eine Zusammenarbeit mit außerschulischen Akteuren kann hilfreich sein. Schule muss nicht alles allein schaffen.
Demokratiebildung
„Wer sich nicht äußert, überlässt das Feld extremistischen Akteurinnen und Akteure“
Foto: Reina-Maria Nerlich © Sophia Carrara
Reina-Maria Nerlich ist Expertin für Demokratiebildung und Antidiskriminierung. Die ehemalige Lehrerin hat 2019 den Berliner Verein Duvia mitgegründet, seitdem führt sie mit ihrem Team demokratiepädagogische Projekte an Schulen durch. Hier erzählt sie, was Schulen dem Rechtsruck in wachsenden Teilen der Gesellschaft entgegensetzen können.
Wie arbeiten Sie mit Schulen zusammen?
Wir arbeiten, vor allem in Berlin, mit Schulen zu gesellschaftspolitischen Schwerpunktthemen zusammen. Alle Themen haben auch einen lebensweltlichen Bezug. Meistens gestalten wir punktuelle Projekttage, teils arbeiten wir sogar wöchentlich mit Schulen. Es geht darum, den Jugendlichen bewusst zu machen, dass Politik nicht nur etwas ist, das sie in den Nachrichten hören. Sie erfahren, dass Politik auch sie betrifft und dass sie mitmachen können. Für die anderen Berufsgruppen an Schulen bieten wir Fortbildungen an, zum Beispiel zu Antidiskriminierung oder zu Partizipation im Schulalltag.
Wie verbreitet ist Rechtsextremismus an Schulen?
Wir beobachten oft, dass Jugendliche rechtsextreme Narrative unhinterfragt übernehmen. Das dekonstruieren wir dann gemeinsam. Vereinzelt treffen wir auch auf Jugendliche, deren rechtsextremes Weltbild schon sehr verhärtet wirkt.
Gleichzeitig werden wir viel von Schulen angefragt, an denen eher die Ängste der Teilnehmenden vor Rechtsextremismus ausschlaggebend sind. Viele Lehrkräfte und Schulleitungen sind außerdem verunsichert. Sie fragen sich, ob sie sich zum Beispiel für Antidiskriminierung einsetzen dürfen. Ein Schwerpunkt in unserer Arbeit ist aktuell, da wieder Sicherheit zu vermitteln.
Wie machen Sie das?
In Fortbildungen schauen wir gemeinsam ins Schulgesetz und sprechen darüber, dass ein Einsatz für Demokratie – und damit auch gegen Diskriminierung – nicht zu politisch ist, sondern Teil des Bildungsauftrags. Um mehr Handlungssicherheit zu vermitteln, arbeiten wir auch mit Fallbeispielen.
Wie kann die Schulverwaltung unterstützen?
Die Schulverwaltung sollte noch klarer kommunizieren, dass Demokratiebildung zum Auftrag der Schulen gehört. Eine offizielle Mitteilung an die Lehrkräfte wäre hilfreich, im Sinne von: Wir stehen hinter euch, wenn ihr euch für die Demokratie und gegen Extremismus einsetzt. Denn viele Lehrkräfte sagen uns, dass sie sich aus politischen Diskussionen heraushalten, um nicht angreifbar zu werden. Aber nur, weil etwas in der Schule nicht besprochen wird, verschwinden ja die Fragen der Kinder und Jugendlichen nicht, zum Beispiel zu Dingen, die sie auf Social Media sehen. Wer sich nicht äußert, überlässt das Feld extremistischen Akteurinnen und Akteure. Hier kann die Schulverwaltung formelle Sicherheit vermitteln.
Welche Lernziele verfolgen Ihre Schulprojekte?
Wir arbeiten mit Kompetenzfeldern wie Perspektivwechsel, Ambiguitätstoleranz, in den Dialog treten oder Hinterfragen. Das Schöne an Demokratiebildung ist, dass man diese Kompetenzen mit jedem Thema fördern kann, das geht auch im Biologie- oder Sportunterricht. Wichtig finde ich, dass man den Kindern und Jugendlichen bewusst macht, warum diese Fertigkeiten in einer demokratischen Gesellschaft wichtig sind.

Im Duvia-Workshop lernen Schülerinnen und Schüler, was Politik für sie selbst bedeutet.
© Alushi Kanaan
Was läuft an Schulen bei der Demokratiebildung gut und wo gibt es Nachholbedarf?
An den meisten Schulen erleben wir einen sehr zugewandten Blick auf Kinder und Jugendliche, das ist gut. Demokratiebildung ist aber nicht überall gut verankert und nicht Teil der Lehramtsausbildung. Wenn ich etwa Biologie unterrichte, habe ich mich vielleicht in meiner gesamten Lehramtsausbildung nicht damit beschäftigt. Dabei ist Demokratiebildung eine Querschnittsaufgabe. Wir erleben oft, dass Lehrkräfte gern demokratiebildend arbeiten möchten, aber nicht wissen, wie.
In Sachsen-Anhalt könnte eine vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei die nächste Regierung stellen. Das macht vielen Schulen Angst. Was können Schulen sofort tun, um Rechtsextremismus etwas entgegenzusetzen?
Wenn Mitlieder der Schulgemeinschaft aufgrund der politischen Lage Angst haben oder im politischen Diskurs Abwertungen erfahren, dann sollten Schulen nach Innen Sicherheit, Schutz und Zugehörigkeit vermitteln, aber auch vor unbequemen Gesprächen miteinander nicht Halt machen. Erst einmal sollten sie also innerhalb der Schulgemeinschaft ins Gespräch kommen. Die verschiedenen Gruppen, das heißt, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und so weiter, können diskutieren, wie sie demokratische Grundsätze in ihren Schulalltag übertragen. Dann treffen sie Vereinbarungen und sind immer wieder kritische Kontrollinstanz füreinander.
Außerdem sollten sich Lehrkräfte trauen, Grenzen zu setzen. Viele lassen rechtsextreme oder rassistische Äußerungen stehen, weil sie kein riesiges Fass aufmachen wollen oder weil sie unsicher sind. Darüber müssen wir hinwegkommen und in solchen Fällen wertschätzend, aber klar sagen: Halt, Stopp, ich habe ein Problem mit dem, was du gerade gesagt hast, weil …
Was können Schulen mittelfristig tun?
Ich fände es sehr hilfreich, wenn die Schulen ihre Schulprogramme noch einmal durch die Brille „Demokratiebildung“ anschauen und gemeinsam überlegen, wie sie das Thema stärken und in den Unterrichtsalltag integrieren können. Auch eine Zusammenarbeit mit außerschulischen Akteuren kann hilfreich sein. Schule muss nicht alles allein schaffen.




