Schulischen Wandel ermöglichen
Niedersachsen: mehr Freiräume für Schulen
Foto: Peter Reinert © privat
Vor fünf Jahren machten sich Schulen in Niedersachsen auf, um neue Lernformate für Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) und Demokratiebildung zu entwickeln. Herausgekommen ist viel mehr: Erkenntnisse darüber, welche Rahmenbedingungen Schulen brauchen, um überhaupt neue Lernformate zu entwickeln.
Als das Kultusministerium Niedersachsen 2021 das „Modellprojekt Zukunftsschule“ ausschrieb, war das Interesse groß. Binnen kurzer Zeit meldeten sich 63 Schulen an. Inhaltlich ging es um Demokratiebildung und BNE, zugleich sollten die Schulen neue Lehr- und Lernformate erproben. Im Sommer endet das Modellprojekt. Es hat so viele Steine in Schulen und Schulverwaltung ins Rollen gebracht, dass es nahtlos in den „Freiräume-Prozess“ für alle niedersächsischen Schulen übergegangen ist. Was war geschehen?
Viele Schulen kannten ihre Freiräume nicht
„Im Zusammenhang mit dem Modellprojekt konnten die Schulen beantragen, dass wir ihnen über unsere Erlasse hinaus Freiräume geben“, sagt Peter Reinert, Ministerialrat im Niedersächsischen Kultusministerium. Er betreut das Projekt für Haupt-, Ober- und Realschulen. Änderungen an der Stundentafel, die Vermischung von Vormittag und Ganztag, Zusammenlegung von Fächern oder bestimmte Lehrformate – die Liste der Stellschrauben, die die Schulen für sich identifiziert hatten, war lang. „Dabei haben wir gemerkt, dass viele Schulen Anträge stellten, über die wir gar nicht bescheiden mussten. Schulen arbeiten ja in Niedersachsen eigenverantwortlich. Viele der beantragten Freiräume gab es bereits und konnten von den Schulen genutzt werden.“
(c) Tho-Ge auf pixabay
Damit war das Thema „Freiräume“ gesetzt. Seit August 2023 öffnet sich der Freiräume-Prozess offiziell für alle Schulen. Im kleineren Kreis des Vorgängerprojekts Zukunftsschule beschäftigte es Schulen und Ministerium schon seit mehreren Jahren. Um die Schulen zu unterstützen, veröffentlichte das Ministerium 2023 eine Handreichung mit allen verfügbaren Freiräumen. Ab 2025 folgten verschiedene Grundsatzerlasse. Sie erlauben Schulen zum Beispiel, weniger schriftliche Lernkontrollen durchzuführen, den Wahlpflichtunterricht und die Stundentafel flexibler zu gestalten. Auch alternative Formate der Leistungsüberprüfung stehen den Schulen seitdem offiziell frei. Auf der Website des Freiräume-Prozesses sind inzwischen alle Gestaltungsspielräume übersichtlich nach Themen und Schulformen aufgelistet. Wer sich zusätzlich Praxiseinblicke wünscht, findet hier eine Übersicht von Hospitationsschulen.
Schulische Graswurzelbewegung
Nicht nur an den Schulen, auch im Ministerium sorgt das Projekt für Aufbruchstimmung. „Nehmen Sie das Beispiel schriftliche Arbeiten. Wir hatten immer festgelegt, dass alle in einer Klasse zum gleichen Zeitpunkt die gleichen Arbeiten schreiben. Einige Schulen haben es schon seit Jahren etwas anders gemacht, indem die Kinder oder Jugendlichen zum Beispiel innerhalb eines Halbjahres etwas fertigstellen konnten. Das war wie eine Graswurzelbewegung“, sagt Reinert. „Wir haben das zunächst mit Interesse beobachtet. Nun haben wir die Regelungen dazu wirklich angepackt und laufen den Entwicklungen nicht mehr nur hinterher.“ Entscheidend sei, dass das Vertrauen zwischen Schulen und Verwaltung gewachsen sei. „Wir sind jetzt immer gut informiert, was die Schulen machen, weil sie uns vertrauen. So können wir sie gut begleiten.“
Bei den Schulen kommt die Begleitung gut an und spricht sich herum. „Vor zwei Jahren hatte ich mich das erste Mal mit einer Runde aus acht Haupt-, Real- und Oberschulen getroffen. Vor einer Woche hatten wir wieder einen Online-Termin, da waren es 40 Schulen“, erzählt Reinert.
Vernetzung von Schulen mit ähnlichen Projektideen
Auf dem Programm des Freiräume-Prozesses stehen vor allem Beratung, Vernetzung und Austausch. Reinert will Schulen zusammenbringen, die ähnliche Lernformate erproben oder dieselben Fächer zusammenlegen.
In der Vergangenheit habe sich dadurch schneller gezeigt, welche Ideen sich bewähren und wann nachgesteuert werden müsse. Wird zum Beispiel am Vormittag viel allein gelernt, dürfen Kommunikation und Kollaboration am Nachmittag nicht zu kurz kommen.
Im Fremdsprachenunterricht sei selbstgesteuertes Lernen oft nicht zielführend, weil die Schülerinnen und Schüler Sprachvorbilder bräuchten.
Eigene Anträge muss im Freiräume-Prozess kaum noch jemand stellen. Allerdings konnten Schulen von 2025 bis Mai 2026 Gelder für innovative Projekte aus einem Ermöglichungsbudget beantragen. „Wir bemühen uns wirklich sehr, die Schulen in ihrer Entwicklung gut zu unterstützen“, betont Reinert.
Dass Schule sich in Zukunft stark verändert, steht für Reinert außer Frage. Seine Zukunftsvision: „Ich bin sicher, dass das klassische Unterrichtssetting von 45 oder 90 Minuten auslaufen wird. Es wird mehr um Inhalte und Themen gehen, weniger um klassische Fächer. Dadurch entsteht auch mehr Raum für fächerübergreifende Inhalte, zum Beispiel Demokratiebildung, BNE oder Medienbildung. Die Basiskompetenzen bleiben erhalten, aber viele andere Fächer werden sich öffnen. Außerdem glaube ich, dass sich Schulen viel mehr in die Gesellschaft hinein öffnen werden. Das können mehr Praktika sein oder Kooperationen zum Beispiel mit Museen oder anderen Institutionen. Das kann möglicherweise aber auch einfach ein Park als außerschulischer Lernort sein, in dem ich Kunst oder Botanik lerne.“
Schulischen Wandel ermöglichen
Niedersachsen: mehr Freiräume für Schulen
Foto: Peter Reinert © privat
Vor fünf Jahren machten sich Schulen in Niedersachsen auf, um neue Lernformate für Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) und Demokratiebildung zu entwickeln. Herausgekommen ist viel mehr: Erkenntnisse darüber, welche Rahmenbedingungen Schulen brauchen, um überhaupt neue Lernformate zu entwickeln.
Als das Kultusministerium Niedersachsen 2021 das „Modellprojekt Zukunftsschule“ ausschrieb, war das Interesse groß. Binnen kurzer Zeit meldeten sich 63 Schulen an. Inhaltlich ging es um Demokratiebildung und BNE, zugleich sollten die Schulen neue Lehr- und Lernformate erproben. Im Sommer endet das Modellprojekt. Es hat so viele Steine in Schulen und Schulverwaltung ins Rollen gebracht, dass es nahtlos in den „Freiräume-Prozess“ für alle niedersächsischen Schulen übergegangen ist. Was war geschehen?
Viele Schulen kannten ihre Freiräume nicht
„Im Zusammenhang mit dem Modellprojekt konnten die Schulen beantragen, dass wir ihnen über unsere Erlasse hinaus Freiräume geben“, sagt Peter Reinert, Ministerialrat im Niedersächsischen Kultusministerium. Er betreut das Projekt für Haupt-, Ober- und Realschulen. Änderungen an der Stundentafel, die Vermischung von Vormittag und Ganztag, Zusammenlegung von Fächern oder bestimmte Lehrformate – die Liste der Stellschrauben, die die Schulen für sich identifiziert hatten, war lang. „Dabei haben wir gemerkt, dass viele Schulen Anträge stellten, über die wir gar nicht bescheiden mussten. Schulen arbeiten ja in Niedersachsen eigenverantwortlich. Viele der beantragten Freiräume gab es bereits und konnten von den Schulen genutzt werden.“
(c) Tho-Ge auf pixabay
Damit war das Thema „Freiräume“ gesetzt. Seit August 2023 öffnet sich der Freiräume-Prozess offiziell für alle Schulen. Im kleineren Kreis des Vorgängerprojekts Zukunftsschule beschäftigte es Schulen und Ministerium schon seit mehreren Jahren. Um die Schulen zu unterstützen, veröffentlichte das Ministerium 2023 eine Handreichung mit allen verfügbaren Freiräumen. Ab 2025 folgten verschiedene Grundsatzerlasse. Sie erlauben Schulen zum Beispiel, weniger schriftliche Lernkontrollen durchzuführen, den Wahlpflichtunterricht und die Stundentafel flexibler zu gestalten. Auch alternative Formate der Leistungsüberprüfung stehen den Schulen seitdem offiziell frei. Auf der Website des Freiräume-Prozesses sind inzwischen alle Gestaltungsspielräume übersichtlich nach Themen und Schulformen aufgelistet. Wer sich zusätzlich Praxiseinblicke wünscht, findet hier eine Übersicht von Hospitationsschulen.
Schulische Graswurzelbewegung
Nicht nur an den Schulen, auch im Ministerium sorgt das Projekt für Aufbruchstimmung. „Nehmen Sie das Beispiel schriftliche Arbeiten. Wir hatten immer festgelegt, dass alle in einer Klasse zum gleichen Zeitpunkt die gleichen Arbeiten schreiben. Einige Schulen haben es schon seit Jahren etwas anders gemacht, indem die Kinder oder Jugendlichen zum Beispiel innerhalb eines Halbjahres etwas fertigstellen konnten. Das war wie eine Graswurzelbewegung“, sagt Reinert. „Wir haben das zunächst mit Interesse beobachtet. Nun haben wir die Regelungen dazu wirklich angepackt und laufen den Entwicklungen nicht mehr nur hinterher.“ Entscheidend sei, dass das Vertrauen zwischen Schulen und Verwaltung gewachsen sei. „Wir sind jetzt immer gut informiert, was die Schulen machen, weil sie uns vertrauen. So können wir sie gut begleiten.“
Bei den Schulen kommt die Begleitung gut an und spricht sich herum. „Vor zwei Jahren hatte ich mich das erste Mal mit einer Runde aus acht Haupt-, Real- und Oberschulen getroffen. Vor einer Woche hatten wir wieder einen Online-Termin, da waren es 40 Schulen“, erzählt Reinert.
Vernetzung von Schulen mit ähnlichen Projektideen
Auf dem Programm des Freiräume-Prozesses stehen vor allem Beratung, Vernetzung und Austausch. Reinert will Schulen zusammenbringen, die ähnliche Lernformate erproben oder dieselben Fächer zusammenlegen.
In der Vergangenheit habe sich dadurch schneller gezeigt, welche Ideen sich bewähren und wann nachgesteuert werden müsse. Wird zum Beispiel am Vormittag viel allein gelernt, dürfen Kommunikation und Kollaboration am Nachmittag nicht zu kurz kommen.
Im Fremdsprachenunterricht sei selbstgesteuertes Lernen oft nicht zielführend, weil die Schülerinnen und Schüler Sprachvorbilder bräuchten.
Eigene Anträge muss im Freiräume-Prozess kaum noch jemand stellen. Allerdings konnten Schulen von 2025 bis Mai 2026 Gelder für innovative Projekte aus einem Ermöglichungsbudget beantragen. „Wir bemühen uns wirklich sehr, die Schulen in ihrer Entwicklung gut zu unterstützen“, betont Reinert.
Dass Schule sich in Zukunft stark verändert, steht für Reinert außer Frage. Seine Zukunftsvision: „Ich bin sicher, dass das klassische Unterrichtssetting von 45 oder 90 Minuten auslaufen wird. Es wird mehr um Inhalte und Themen gehen, weniger um klassische Fächer. Dadurch entsteht auch mehr Raum für fächerübergreifende Inhalte, zum Beispiel Demokratiebildung, BNE oder Medienbildung. Die Basiskompetenzen bleiben erhalten, aber viele andere Fächer werden sich öffnen. Außerdem glaube ich, dass sich Schulen viel mehr in die Gesellschaft hinein öffnen werden. Das können mehr Praktika sein oder Kooperationen zum Beispiel mit Museen oder anderen Institutionen. Das kann möglicherweise aber auch einfach ein Park als außerschulischer Lernort sein, in dem ich Kunst oder Botanik lerne.“




