Veröffentlicht am: 17. Juni 2026

Informationen und Beratung für Ministerien, Schulträger und Medienzentren

Strategie für Schulleitungen

Schulentwicklung: Loslassen gehört dazu

Foto: Stephan Huber © Stephan Gerhard Huber

Neue Projekte, neue Schwerpunkte, neue Aufgaben: Schulentwicklung bedeutet oft, dass immer mehr Neues hinzukommt. Das Problem: Irgendwann sind die Ressourcen erschöpft, die Lehrkräfte auch. Hier setzt die Strategie BIO+S des Bildungsforschers Stephan Huber an. Sie sucht nicht nur nach Neuerungen, sondern fragt auch, worauf Schulen künftig verzichten können.


In vielen Kollegien gilt Schulentwicklung als wichtige, aber auch zähe Aufgabe. Wie große Tanker brauchen Schulen viel Zeit und Kraft, um ihren Kurs zu verändern. Prof. Stephan Huber, Inhaber des Exzellenz-Lehrstuhls für Bildungsforschung an der Universität Linz sowie Leiter der Arbeitsgruppe Personal-, Organisations- und Systementwicklung am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), weiß, warum Schulentwicklung nicht immer rund läuft. „Eine bloße Addition von Aufgaben stellt Schulen häufig vor große Herausforderungen, das funktioniert nicht. Wir müssten stärker die Frage der Nachhaltigkeit in den Blick nehmen und demzufolge stärker ziel- und ressourcenorientiert arbeiten“, sagt Huber. „Gleichzeitig geht es selten darum, dass man etwas abschafft oder temporär aussetzt. Oder dass man etwas bewahrt, das sich bewährt hat. Wenn man diese Überlegungen nicht berücksichtigt, fehlen wichtige Fragen für die Entwicklung einer Strategie. Viele übersehen außerdem, dass man auch Vorhandenes optimieren und effektiver machen kann.“

Dabei sind es genau diese vier Elemente, die aus Hubers Sicht zu jedem Schulentwicklungsprozess gehören. Nach ihren Anfangsbuchstaben hat er seine Strategie BIO+S getauft. BIO steht dabei für Bewahren, Innovieren und Optimieren. In der Zusammenarbeit mit Schulen habe er gemerkt, dass es auch noch S brauche, kurz für Sistieren, also etwas – zeitweilig oder auf Dauer – abzuschaffen.

Grafik: Das BIO+S-Modell für nachhaltige Schulentwicklung

Das BIO+S-Modell im Überblick (c) Stephan Gerhard Huber

Ressourcen besser verteilen
Der Vorteil des Sistierens liegt auf der Hand: Schulen gewinnen Ressourcen, die sie neu investieren können. Huber nennt Beispiele für ressourcenverschlingende Maßnahmen, die dank der BIO+S-Strategie aufgedeckt wurden: besonders komplizierte Formen des Elternabends. Oder große Schulfeste in Zusammenarbeit mit Nachbarschulen. Die Beispiele zeigen auch: Nicht immer lässt sich etwas einfach abschaffen, oft sprechen pädagogische Notwendigkeiten dagegen. Dann könnte Optimieren geeigneter sein: Anstelle der mehrstündigen interaktiven Elternabende gibt es vielleicht eine einfachere Form, ohne dass pädagogisch viel verloren geht. Und in einem Jahr mit engem Zeitplan kann es ausnahmsweise auch einmal ein kleineres Schulfest sein, das nicht die intensive Beteiligung des gesamten Kollegiums erfordert.

So arbeiten Schulen mit BIO+S
Wenn Huber mit Schulen arbeitet, geht er nach einer festen Methode vor. „Ein halber Tag reicht meistens aus, um herauszuarbeiten, welche Themen für die Schule relevant sind. Mit der richtigen Prioritätensetzung gelingt es dann, dass das Richtige angegangen wird und dann auch richtig umgesetzt wird“, sagt er. Am Anfang steht eine grundsätzliche Fragestellung, mal sehr weit gefasst, („Wir entwickeln ein neues Schulprogramm“), mal sehr zugespitzt („Wie wollen wir mit KI arbeiten?“).

Je nach Fragestellung ist auch der Kreis der Teilnehmenden unterschiedlich groß, das Spektrum reicht vom Schulleitungsteam bis hin zum kompletten Personal einer Schule. Auch Eltern sowie Schülerinnen und Schüler nehmen mitunter teil. Nach einem kurzen Input startet Huber mit drei Brainstorming-Runden, in denen die Teilnehmenden in verschiedenen Zusammensetzungen immer wieder überlegen und diskutieren, was ihnen in Bezug zur Fragestellung zu den vier Punkten B, I, O und S einfällt – was also bewahrt werden sollte, welche Neuerungen sie sich wünschen, was optimiert und was (vorübergehend) abgeschafft werden könnte. In der ersten Runde arbeiten alle Teilnehmenden für sich allein. In Runde zwei arbeiten homogene Gruppen zusammen, zum Beispiel Fachschaften, und gleichen ihre Ergebnisse ab.

Runde drei lebt von stärker durchmischten Gruppen, hier treffen zum Beispiel Lehrkräfte auf das Erziehungspersonal, Eltern oder Jugendliche. Auf Plakaten halten sie fest, was ihnen besonders wichtig erscheint. „So entsteht im Handumdrehen ein konstruktiver Austausch über die Schule“, sagt Huber. Gleichzeitig merkt man ganz schnell, wo Konsens und wo Dissens herrscht.“ Im Idealfall gebe es zum Schluss noch eine Redaktionsgruppe, die die Ergebnisse weiter verdichtet und vielleicht priorisiert.“

Vom Brainstorming zur Schulentwicklungsstrategie
Im Nachgang sind die Schulleitung oder Steuergruppe gefragt, aus den Ergebnissen des Brainstormings einen kohärenten Plan mit konkreten Zielen, Maßnahmen und einem zeitlichen Horizont zu erarbeiten. Dafür entwickelt Huber mit ihnen eine Wirkungskette. Sie analysiert über die verschiedenen Ebenen in der Schule hinweg, welche Maßnahmen nötig sind, um die entsprechenden Ziele in ihrer Abfolgelogik zu erreichen. „Man muss von außen nach innen vorgehen, aber von innen nach außen denken“, erklärt Huber. Mit anderen Worten: Bildung steht im Zentrum des Systems Schule, aber damit sich Bildungsprozesse ändern können, müssen auch auf den darüber liegenden Ebenen wie Personal, Organisation, Verwaltung Änderungen stattfinden. Das wiederum muss im System organisiert werden, wofür zum Beispiel eine Ebene höher Anträge gestellt oder Überzeugungsarbeit geleistet werden muss.

Die Wirkungskette ist ein zentraler Teil der Entwicklungsstrategie – sie sorgt dafür, dass die Schule ihre Ressourcen möglichst sinnvoll nutzt. Es geht um ein kohärentes, in sich stimmiges, mit Synergien versehenes System von Zielen und Maßnahmen, die aufeinander abgestimmt sind. „Sonst wird es nur ein Flickenteppich. Das beobachte ich oft bei Zielvereinbarungen oder bei Mittelabrufen im Startchancen-Programm. Alle arbeiten an einzelnen Maßnahmen, dabei geht wahnsinnig viel Potenzial verloren“, sagt Huber.

Linktipp: Bildungsmanagement – BIO-Strategie

Zur Startseite Magazin
Zur Anmeldung Newsletter

Strategie für Schulleitungen

Schulentwicklung: Loslassen gehört dazu

Foto: Stephan Huber © Stephan Gerhard Huber

Neue Projekte, neue Schwerpunkte, neue Aufgaben: Schulentwicklung bedeutet oft, dass immer mehr Neues hinzukommt. Das Problem: Irgendwann sind die Ressourcen erschöpft, die Lehrkräfte auch. Hier setzt die Strategie BIO+S des Bildungsforschers Stephan Huber an. Sie sucht nicht nur nach Neuerungen, sondern fragt auch, worauf Schulen künftig verzichten können.


In vielen Kollegien gilt Schulentwicklung als wichtige, aber auch zähe Aufgabe. Wie große Tanker brauchen Schulen viel Zeit und Kraft, um ihren Kurs zu verändern. Prof. Stephan Huber, Inhaber des Exzellenz-Lehrstuhls für Bildungsforschung an der Universität Linz sowie Leiter der Arbeitsgruppe Personal-, Organisations- und Systementwicklung am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), weiß, warum Schulentwicklung nicht immer rund läuft. „Eine bloße Addition von Aufgaben stellt Schulen häufig vor große Herausforderungen, das funktioniert nicht. Wir müssten stärker die Frage der Nachhaltigkeit in den Blick nehmen und demzufolge stärker ziel- und ressourcenorientiert arbeiten“, sagt Huber. „Gleichzeitig geht es selten darum, dass man etwas abschafft oder temporär aussetzt. Oder dass man etwas bewahrt, das sich bewährt hat. Wenn man diese Überlegungen nicht berücksichtigt, fehlen wichtige Fragen für die Entwicklung einer Strategie. Viele übersehen außerdem, dass man auch Vorhandenes optimieren und effektiver machen kann.“

Dabei sind es genau diese vier Elemente, die aus Hubers Sicht zu jedem Schulentwicklungsprozess gehören. Nach ihren Anfangsbuchstaben hat er seine Strategie BIO+S getauft. BIO steht dabei für Bewahren, Innovieren und Optimieren. In der Zusammenarbeit mit Schulen habe er gemerkt, dass es auch noch S brauche, kurz für Sistieren, also etwas – zeitweilig oder auf Dauer – abzuschaffen.

Grafik: Das BIO+S-Modell für nachhaltige Schulentwicklung

Das BIO+S-Modell im Überblick (c) Stephan Gerhard Huber

Ressourcen besser verteilen
Der Vorteil des Sistierens liegt auf der Hand: Schulen gewinnen Ressourcen, die sie neu investieren können. Huber nennt Beispiele für ressourcenverschlingende Maßnahmen, die dank der BIO+S-Strategie aufgedeckt wurden: besonders komplizierte Formen des Elternabends. Oder große Schulfeste in Zusammenarbeit mit Nachbarschulen. Die Beispiele zeigen auch: Nicht immer lässt sich etwas einfach abschaffen, oft sprechen pädagogische Notwendigkeiten dagegen. Dann könnte Optimieren geeigneter sein: Anstelle der mehrstündigen interaktiven Elternabende gibt es vielleicht eine einfachere Form, ohne dass pädagogisch viel verloren geht. Und in einem Jahr mit engem Zeitplan kann es ausnahmsweise auch einmal ein kleineres Schulfest sein, das nicht die intensive Beteiligung des gesamten Kollegiums erfordert.

So arbeiten Schulen mit BIO+S
Wenn Huber mit Schulen arbeitet, geht er nach einer festen Methode vor. „Ein halber Tag reicht meistens aus, um herauszuarbeiten, welche Themen für die Schule relevant sind. Mit der richtigen Prioritätensetzung gelingt es dann, dass das Richtige angegangen wird und dann auch richtig umgesetzt wird“, sagt er. Am Anfang steht eine grundsätzliche Fragestellung, mal sehr weit gefasst, („Wir entwickeln ein neues Schulprogramm“), mal sehr zugespitzt („Wie wollen wir mit KI arbeiten?“).

Je nach Fragestellung ist auch der Kreis der Teilnehmenden unterschiedlich groß, das Spektrum reicht vom Schulleitungsteam bis hin zum kompletten Personal einer Schule. Auch Eltern sowie Schülerinnen und Schüler nehmen mitunter teil. Nach einem kurzen Input startet Huber mit drei Brainstorming-Runden, in denen die Teilnehmenden in verschiedenen Zusammensetzungen immer wieder überlegen und diskutieren, was ihnen in Bezug zur Fragestellung zu den vier Punkten B, I, O und S einfällt – was also bewahrt werden sollte, welche Neuerungen sie sich wünschen, was optimiert und was (vorübergehend) abgeschafft werden könnte. In der ersten Runde arbeiten alle Teilnehmenden für sich allein. In Runde zwei arbeiten homogene Gruppen zusammen, zum Beispiel Fachschaften, und gleichen ihre Ergebnisse ab.

Runde drei lebt von stärker durchmischten Gruppen, hier treffen zum Beispiel Lehrkräfte auf das Erziehungspersonal, Eltern oder Jugendliche. Auf Plakaten halten sie fest, was ihnen besonders wichtig erscheint. „So entsteht im Handumdrehen ein konstruktiver Austausch über die Schule“, sagt Huber. Gleichzeitig merkt man ganz schnell, wo Konsens und wo Dissens herrscht.“ Im Idealfall gebe es zum Schluss noch eine Redaktionsgruppe, die die Ergebnisse weiter verdichtet und vielleicht priorisiert.“

Vom Brainstorming zur Schulentwicklungsstrategie
Im Nachgang sind die Schulleitung oder Steuergruppe gefragt, aus den Ergebnissen des Brainstormings einen kohärenten Plan mit konkreten Zielen, Maßnahmen und einem zeitlichen Horizont zu erarbeiten. Dafür entwickelt Huber mit ihnen eine Wirkungskette. Sie analysiert über die verschiedenen Ebenen in der Schule hinweg, welche Maßnahmen nötig sind, um die entsprechenden Ziele in ihrer Abfolgelogik zu erreichen. „Man muss von außen nach innen vorgehen, aber von innen nach außen denken“, erklärt Huber. Mit anderen Worten: Bildung steht im Zentrum des Systems Schule, aber damit sich Bildungsprozesse ändern können, müssen auch auf den darüber liegenden Ebenen wie Personal, Organisation, Verwaltung Änderungen stattfinden. Das wiederum muss im System organisiert werden, wofür zum Beispiel eine Ebene höher Anträge gestellt oder Überzeugungsarbeit geleistet werden muss.

Die Wirkungskette ist ein zentraler Teil der Entwicklungsstrategie – sie sorgt dafür, dass die Schule ihre Ressourcen möglichst sinnvoll nutzt. Es geht um ein kohärentes, in sich stimmiges, mit Synergien versehenes System von Zielen und Maßnahmen, die aufeinander abgestimmt sind. „Sonst wird es nur ein Flickenteppich. Das beobachte ich oft bei Zielvereinbarungen oder bei Mittelabrufen im Startchancen-Programm. Alle arbeiten an einzelnen Maßnahmen, dabei geht wahnsinnig viel Potenzial verloren“, sagt Huber.

Linktipp: Bildungsmanagement – BIO-Strategie

Zur Startseite Magazin
Zur Anmeldung Newsletter
Zur Startseite Magazin
Zur Anmeldung Newsletter
Informationen und Beratung für Ministerien, Schulträger und Medienzentren