Drei Fragen an Torsten Gruß
Was eine Social-Media-Sprechstunde leistet und wie sie funktioniert
Foto: Torsten Gruß © Privat
Seit einem Jahr sammelt die Aurelia-Wald-Gesamtschule im niedersächsischen Uetze Erfahrungen mit einer eigenen Social-Media-Sprechstunde – und will das Angebot unbedingt beibehalten. Torsten Gruß, IT-Beauftragter und Jahrgangsleiter, hatte das Projekt angestoßen. Hier erzählt er, mit welchen Sorgen die Schülerinnen und Schüler kommen und wie die Sprechstunde ihnen helfen kann.
Warum haben Sie eine Social-Media-Sprechstunde eingeführt?
Bei mir als Jahrgangsleiter sind immer wieder Fälle gelandet, die mit Social Media zu tun hatten: Beleidigungen in WhatsApp-Gruppen, Bilder, die bearbeitet und verschickt wurden, einmal hatten wir einen sogenannten Grooming-Fall, bei dem ein Erwachsener ein Mädchen in Klasse 5 angeschrieben hatte. Im Mai 2025 hörte ich in einer Fortbildung bei der ehemaligen Schulleiterin und Bildungsexpertin Silke Müller zum ersten Mal von der Social-Media-Sprechstunde. Sie hatte ein paar besonders drastische Fälle vorgestellt, das hat mir die Augen geöffnet. Obwohl ich selbst in sozialen Netzwerken aktiv bin, war mir nicht klar, welche schlimmen Erfahrungen gerade junge Menschen auf Social Media machen können. Ich fand die Idee super, dafür eine eigene Anlaufstelle an der Schule zu schaffen. Wir haben zwar Beratungslehrkräfte, drei Stellen für Schulsozialarbeit und ein Mobbing-Interventionsteam, die eine großartige Arbeit machen, aber die Kinder brauchten eine zusätzliche Anlaufstelle, die sie vor allem bei dem Thema „Social Media“ auffängt.
Wie haben Sie die Sprechstunde umgesetzt?
Ich habe das zunächst mit unserer Schulleitung besprochen und die Umsetzung anschließend gemeinsam mit unserer Projektgruppe Prävention geplant. Die Präventionsstelle der Polizei in Burgdorf stand uns dabei im Zuge der Überarbeitung unseres Präventionskonzepts als wichtige Ansprechpartnerin beratend zur Seite.
Dort gibt es eine tolle Kontaktbeamtin, die Schulen besucht und vor allem die rechtliche Seite gut kennt. Außerdem ging ich mit Thomas Hillers von der Waldschule Hatten in den Austausch, der zusammen mit Silke Müller dort die Social-Media-Sprechstunde entwickelt hatte. Dann haben wir einen Elternabend für Klasse 5 bis 8 durchgeführt, zusammen mit der Kontaktbeamtin, der Schulsozialarbeit und unserem Mobbing-Interventionsteam. Außerdem habe ich das Konzept auf der Gesamtkonferenz vorgestellt und zwei Kolleginnen dafür gewonnen, die Sprechstunde mit mir zu betreuen. So können wir die Arbeit besser verteilen. Zum Schuljahr 2025/26 haben wir dann mit der Sprechstunde gestartet und das Angebot in allen Klassen und mit Flyern vorgestellt. Seitdem bieten wir zu dritt einmal in der Woche eine Sprechstunde an, dafür ist uns eine Aufsicht erlassen worden.
Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit der Social-Media-Sprechstunde gemacht?
Im ersten Halbjahr war es noch recht still. Im Laufe des zweiten Halbjahres kamen plötzlich mehr Kinder. Kurz zuvor hatten wir unseren ersten größeren Fall gehabt. Er betraf mehrere Klassen, es ging um so schwere Beleidigungen, dass das schon ins Strafbare ging. Zusammen mit den Eltern und den Tutoren, also Klassenleitungen, hatten wir uns beraten und eine gemeinsame Lösung gefunden. Das hat offenbar dazu geführt, dass mehr Schülerinnen und Schüler langsam Vertrauen fassen, zumindest in den unteren Jahrgängen, Inhaltlich beraten wir zu einem breiten Spektrum an Vorfällen: Konflikte, Gerüchte oder sexualisierte Äußerungen auf WhatsApp, wir hatten sogar schon Morddrohungen, zweimal Grooming. Auch durch KI verfremdete Bilder oder verfassungsfeindliche Inhalte kommen vor. Manchmal brauchen die Schülerinnen und Schüler aber auch einfach nur jemanden zum Zuhören.
Insgesamt hatten wir im zweiten Halbjahr ungefähr sechs bis acht Fälle. Das klingt nicht nach viel, aber die Bearbeitung dauert oft viel länger als eine halbstündige Sprechstunde. Je nach Fall besprechen wir uns im Team oder ziehen Klassenleitung, Schulsozialarbeit, Eltern und die Kontaktbeamtin von der Polizei hinzu. Nicht immer können wir ganz sicher sein, dass Konflikte wirklich gelöst sind und nicht außerhalb der Schule weiterlaufen. Aber in mehreren Fällen wurde uns zurückgemeldet, dass uns das gelungen ist. Ich hoffe, dass in Zukunft noch mehr Schülerinnen und Schüler unser Gesprächsangebot nutzen und die Social-Media-Sprechstunde eine etablierte und allen bekannte Einrichtung an der Schule wird.
Die Social-Media-Sprechstunde auf der Website der Aurelia-Wald-Gesamtschule: https://www.awg-uetze.de/start-der-social-media-sprechstunde-im-schuljahr-2025-26/
Drei Fragen an Torsten Gruß
Was eine Social-Media-Sprechstunde leistet und wie sie funktioniert
Foto: Torsten Gruß © Privat
Seit einem Jahr sammelt die Aurelia-Wald-Gesamtschule im niedersächsischen Uetze Erfahrungen mit einer eigenen Social-Media-Sprechstunde – und will das Angebot unbedingt beibehalten. Torsten Gruß, IT-Beauftragter und Jahrgangsleiter, hatte das Projekt angestoßen. Hier erzählt er, mit welchen Sorgen die Schülerinnen und Schüler kommen und wie die Sprechstunde ihnen helfen kann.
Warum haben Sie eine Social-Media-Sprechstunde eingeführt?
Bei mir als Jahrgangsleiter sind immer wieder Fälle gelandet, die mit Social Media zu tun hatten: Beleidigungen in WhatsApp-Gruppen, Bilder, die bearbeitet und verschickt wurden, einmal hatten wir einen sogenannten Grooming-Fall, bei dem ein Erwachsener ein Mädchen in Klasse 5 angeschrieben hatte. Im Mai 2025 hörte ich in einer Fortbildung bei der ehemaligen Schulleiterin und Bildungsexpertin Silke Müller zum ersten Mal von der Social-Media-Sprechstunde. Sie hatte ein paar besonders drastische Fälle vorgestellt, das hat mir die Augen geöffnet. Obwohl ich selbst in sozialen Netzwerken aktiv bin, war mir nicht klar, welche schlimmen Erfahrungen gerade junge Menschen auf Social Media machen können. Ich fand die Idee super, dafür eine eigene Anlaufstelle an der Schule zu schaffen. Wir haben zwar Beratungslehrkräfte, drei Stellen für Schulsozialarbeit und ein Mobbing-Interventionsteam, die eine großartige Arbeit machen, aber die Kinder brauchten eine zusätzliche Anlaufstelle, die sie vor allem bei dem Thema „Social Media“ auffängt.
Wie haben Sie die Sprechstunde umgesetzt?
Ich habe das zunächst mit unserer Schulleitung besprochen und die Umsetzung anschließend gemeinsam mit unserer Projektgruppe Prävention geplant. Die Präventionsstelle der Polizei in Burgdorf stand uns dabei im Zuge der Überarbeitung unseres Präventionskonzepts als wichtige Ansprechpartnerin beratend zur Seite.
Dort gibt es eine tolle Kontaktbeamtin, die Schulen besucht und vor allem die rechtliche Seite gut kennt. Außerdem ging ich mit Thomas Hillers von der Waldschule Hatten in den Austausch, der zusammen mit Silke Müller dort die Social-Media-Sprechstunde entwickelt hatte. Dann haben wir einen Elternabend für Klasse 5 bis 8 durchgeführt, zusammen mit der Kontaktbeamtin, der Schulsozialarbeit und unserem Mobbing-Interventionsteam. Außerdem habe ich das Konzept auf der Gesamtkonferenz vorgestellt und zwei Kolleginnen dafür gewonnen, die Sprechstunde mit mir zu betreuen. So können wir die Arbeit besser verteilen. Zum Schuljahr 2025/26 haben wir dann mit der Sprechstunde gestartet und das Angebot in allen Klassen und mit Flyern vorgestellt. Seitdem bieten wir zu dritt einmal in der Woche eine Sprechstunde an, dafür ist uns eine Aufsicht erlassen worden.
Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit der Social-Media-Sprechstunde gemacht?
Im ersten Halbjahr war es noch recht still. Im Laufe des zweiten Halbjahres kamen plötzlich mehr Kinder. Kurz zuvor hatten wir unseren ersten größeren Fall gehabt. Er betraf mehrere Klassen, es ging um so schwere Beleidigungen, dass das schon ins Strafbare ging. Zusammen mit den Eltern und den Tutoren, also Klassenleitungen, hatten wir uns beraten und eine gemeinsame Lösung gefunden. Das hat offenbar dazu geführt, dass mehr Schülerinnen und Schüler langsam Vertrauen fassen, zumindest in den unteren Jahrgängen, Inhaltlich beraten wir zu einem breiten Spektrum an Vorfällen: Konflikte, Gerüchte oder sexualisierte Äußerungen auf WhatsApp, wir hatten sogar schon Morddrohungen, zweimal Grooming. Auch durch KI verfremdete Bilder oder verfassungsfeindliche Inhalte kommen vor. Manchmal brauchen die Schülerinnen und Schüler aber auch einfach nur jemanden zum Zuhören.
Insgesamt hatten wir im zweiten Halbjahr ungefähr sechs bis acht Fälle. Das klingt nicht nach viel, aber die Bearbeitung dauert oft viel länger als eine halbstündige Sprechstunde. Je nach Fall besprechen wir uns im Team oder ziehen Klassenleitung, Schulsozialarbeit, Eltern und die Kontaktbeamtin von der Polizei hinzu. Nicht immer können wir ganz sicher sein, dass Konflikte wirklich gelöst sind und nicht außerhalb der Schule weiterlaufen. Aber in mehreren Fällen wurde uns zurückgemeldet, dass uns das gelungen ist. Ich hoffe, dass in Zukunft noch mehr Schülerinnen und Schüler unser Gesprächsangebot nutzen und die Social-Media-Sprechstunde eine etablierte und allen bekannte Einrichtung an der Schule wird.
Die Social-Media-Sprechstunde auf der Website der Aurelia-Wald-Gesamtschule: https://www.awg-uetze.de/start-der-social-media-sprechstunde-im-schuljahr-2025-26/




