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„KI ist ein guter Anlass, um unsere Aufgabenkultur zu überdenken“

Foto: Torsten Steinhoff © Christian Daitche

Wie kann Künstliche Intelligenz in den Fächern Deutsch und Mathematik beim Lernen helfen? Das erforscht jetzt ein Team der Mathematikdidaktik und Deutschdidaktik der Universität Siegen im Auftrag des Bildungsministeriums Nordrhein-Westfalen und erreicht damit auf einen Schlag bis zu 12.000 Schülerinnen und Schüler. Im Interview stellt der Deutschdidaktiker Prof. Dr. Torsten Steinhoff das Projekt vor.


Wie gehen Sie im Projekt KIMADU vor, um die Inhalte in die Breite zu tragen?

Torsten Steinhoff: Das Mathematik-Team von Prof. Dr. Ingo Witzke und das Deutsch-Team – Dr. Irene Corvacho del Toro, Mareike Fuhlrott und ich – haben im Herbst mit den Vorbereitungen begonnen. Die eigentliche Arbeit mit den Schulen läuft von März 2025 bis Juli 2027. Dafür greifen wir auf ein Multiplikatoren-System zurück: Wir haben an jeder Schule zwei Koordinatoren und Koordinatorinnen, je eine Lehrkraft für die Fächer Deutsch und Mathematik. Mit ihnen zusammen entwickeln wir im Rahmen regelmäßiger Fachtage exemplarische Lehr-Lern-Settings mit KI-Einsatz. Diese Settings entwickeln die Koordinatoren dann mit den Deutsch- und Mathematik-Lehrkräften an ihren Schulen weiter. Dadurch erreichen wir bis zu 12.000 Schüler und Schülerinnen im ganzen Bundesland. Ergänzend besuchen wir jede Schule einmal persönlich und bieten wöchentliche Online-Sprechstunden an.

Zu den Zielen des Projekts gehört unter anderem, dass die Schüler/-innen die sogenannten 4K-Kompetenzen ausbauen, also Kommunikation, kritisches Denken, Kreativität und Kollaboration. Wie kann KI dazu beitragen?

Nehmen wir das Beispiel „Kommunikation“: Zum einen kann man in Zeiten von KI das Prompting als neue kommunikative Kompetenz verstehen. Man benötigt sie ja, um eine KI zu adressieren und zum Beispiel auf Output zu reagieren, der einem nicht gefällt. Man kann beim Prompten aber auch Dinge lernen, die für die Kommunikation mit anderen Menschen wichtig sind. Zum Beispiel muss man darüber nachdenken, wie die Maschine auf eigene Äußerungen reagiert. Das ist nicht so viel anders als bei Texten für Menschen – da muss man über die Leser und Leserinnen nachdenken. KI gibt zugleich der mündlichen Kommunikation unter Menschen viele Impulse. Wir haben in einem früheren Projekt zum Beispiel gesehen, dass das Arbeiten mit KI in kleineren Gruppen zu einem sehr regen Austausch unter den Beteiligten führt.

Bei KIMADU soll der Nutzen von KI unter anderem mit einem Fokus auf Koaktivität erforscht werden. Was ist damit gemeint?

Ein gutes Beispiel dafür sind Apps, in denen Jugendliche mit einem KI-gesteuerten Avatar freundschaftlich oder romantisch chatten. Hier zeigt sich besonders anschaulich, dass die KI weder Werkzeug noch Mensch, sondern etwas Drittes ist. Wie kann man also das, was zwischen Mensch und KI passiert, beschreiben? Hier hilft der Begriff „Koaktivität“ weiter, weil er neutral ist: Mensch und KI agieren beide, und mal ist der Mensch aktiver und mal die KI. Koaktives Lernen bedeutet demnach, dass der Mensch in Koaktivität mit der KI lernt. Ich kann zum Beispiel einen Schüler beim Schreiben mit KI beobachten und fragen: Wie koagiert er mit der KI? Ist diese Art der Zusammenarbeit lernförderlich? Und wie kann die Lehrkraft die Koaktivität positiv beeinflussen?

Und wie koagieren Jugendliche mit KI?

In einem anderen Projekt haben wir in einer achten Klasse einen argumentativen Text schreiben lassen. Die Jugendlichen hatten freie Hand im Umgang mit der KI. Wir haben beobachtet, dass sie sie hauptsächlich als eine Art Ghostwriter eingesetzt und Schreibaufgaben an sie abgegeben haben. Oder sie haben sie als Tutor genutzt und gefragt: Wie findest du meinen Text? Wir haben uns dann gefragt, was wir tun können, damit sie selbst aktiver sind, wenn sie mit der KI schreiben, und ein Unterrichtskonzept entwickelt. Dabei zeigt die Lehrkraft den Schülerinnen und Schülern, wie sie selbst promptet, und gibt ihnen dann ein Handout mit Tipps zum Prompten. Das hat dazu geführt, dass die Jugendlichen mit der KI plötzlich wie mit einer Schreibpartnerin koagiert haben. Sie haben ihr zum Beispiel gesagt: Sag mir nicht die Lösung, sondern gib mir erst mal nur Tipps für Formulierungen. Bei KIMADU wollen wir auf diese Erfahrungen aufbauen und außerdem Chatbots für bestimmte Aufgaben entwickeln.

Gehen Sie davon aus, dass sich durch den Einsatz von KI auch die typischen Aufgabenstellungen verändern werden?

KI ist ein guter Anlass, um unsere Aufgabenkultur zu überdenken. Der Schreibunterricht ist zum Beispiel oft auf das Schreibprodukt konzentriert, für das es dann eine Note gibt. Vorher gibt es in der Regel kein Feedback, aber genau das wäre wichtig: ein prozessbegleitendes Feedback und die Möglichkeit, den Text dann noch einmal zu überarbeiten, bevor er benotet wird. Darauf kann man sich mithilfe von KI stärker fokussieren. Zusätzlich sollte man auch stärker kooperativ an Aufgaben herangehen, also in Partner- und Gruppenarbeit das Austauschpotential nutzen, das das Schreiben mit KI bietet.

An den beteiligten Schulen sind alle Lehrkräfte für Deutsch und Mathematik indirekt am Projekt beteiligt. Wie haben Sie es geschafft, 25 Schulen für das Projekt zu gewinnen?

Wir hatten über 120 Bewerbungen! Das hat uns sehr gefreut. Sonst kostet es uns manchmal viel Zeit und Mühe, auch nur eine einzelne Klasse für ein Projekt zu gewinnen. KI ist aber offenbar ein besonderer Fall. Es ist eine revolutionäre Technologie, die sich direkt etabliert hat, auch unter Kindern und Jugendlichen. Die Schulen wissen, dass sie schnell und konstruktiv reagieren müssen, und wünschen sich wissenschaftliche Unterstützung. Das hat das Bildungsministerium erkannt, als es uns mit dem Projekt beauftragt hat. Dazu möchten wir nun einen Beitrag leisten.

Link zum Projekt: kimadu.de

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Foto: Torsten Steinhoff © Christian Daitche

Wie kann Künstliche Intelligenz in den Fächern Deutsch und Mathematik beim Lernen helfen? Das erforscht jetzt ein Team der Mathematikdidaktik und Deutschdidaktik der Universität Siegen im Auftrag des Bildungsministeriums Nordrhein-Westfalen und erreicht damit auf einen Schlag bis zu 12.000 Schülerinnen und Schüler. Im Interview stellt der Deutschdidaktiker Prof. Dr. Torsten Steinhoff das Projekt vor.


Wie gehen Sie im Projekt KIMADU vor, um die Inhalte in die Breite zu tragen?

Torsten Steinhoff: Das Mathematik-Team von Prof. Dr. Ingo Witzke und das Deutsch-Team – Dr. Irene Corvacho del Toro, Mareike Fuhlrott und ich – haben im Herbst mit den Vorbereitungen begonnen. Die eigentliche Arbeit mit den Schulen läuft von März 2025 bis Juli 2027. Dafür greifen wir auf ein Multiplikatoren-System zurück: Wir haben an jeder Schule zwei Koordinatoren und Koordinatorinnen, je eine Lehrkraft für die Fächer Deutsch und Mathematik. Mit ihnen zusammen entwickeln wir im Rahmen regelmäßiger Fachtage exemplarische Lehr-Lern-Settings mit KI-Einsatz. Diese Settings entwickeln die Koordinatoren dann mit den Deutsch- und Mathematik-Lehrkräften an ihren Schulen weiter. Dadurch erreichen wir bis zu 12.000 Schüler und Schülerinnen im ganzen Bundesland. Ergänzend besuchen wir jede Schule einmal persönlich und bieten wöchentliche Online-Sprechstunden an.

Zu den Zielen des Projekts gehört unter anderem, dass die Schüler/-innen die sogenannten 4K-Kompetenzen ausbauen, also Kommunikation, kritisches Denken, Kreativität und Kollaboration. Wie kann KI dazu beitragen?

Nehmen wir das Beispiel „Kommunikation“: Zum einen kann man in Zeiten von KI das Prompting als neue kommunikative Kompetenz verstehen. Man benötigt sie ja, um eine KI zu adressieren und zum Beispiel auf Output zu reagieren, der einem nicht gefällt. Man kann beim Prompten aber auch Dinge lernen, die für die Kommunikation mit anderen Menschen wichtig sind. Zum Beispiel muss man darüber nachdenken, wie die Maschine auf eigene Äußerungen reagiert. Das ist nicht so viel anders als bei Texten für Menschen – da muss man über die Leser und Leserinnen nachdenken. KI gibt zugleich der mündlichen Kommunikation unter Menschen viele Impulse. Wir haben in einem früheren Projekt zum Beispiel gesehen, dass das Arbeiten mit KI in kleineren Gruppen zu einem sehr regen Austausch unter den Beteiligten führt.

Bei KIMADU soll der Nutzen von KI unter anderem mit einem Fokus auf Koaktivität erforscht werden. Was ist damit gemeint?

Ein gutes Beispiel dafür sind Apps, in denen Jugendliche mit einem KI-gesteuerten Avatar freundschaftlich oder romantisch chatten. Hier zeigt sich besonders anschaulich, dass die KI weder Werkzeug noch Mensch, sondern etwas Drittes ist. Wie kann man also das, was zwischen Mensch und KI passiert, beschreiben? Hier hilft der Begriff „Koaktivität“ weiter, weil er neutral ist: Mensch und KI agieren beide, und mal ist der Mensch aktiver und mal die KI. Koaktives Lernen bedeutet demnach, dass der Mensch in Koaktivität mit der KI lernt. Ich kann zum Beispiel einen Schüler beim Schreiben mit KI beobachten und fragen: Wie koagiert er mit der KI? Ist diese Art der Zusammenarbeit lernförderlich? Und wie kann die Lehrkraft die Koaktivität positiv beeinflussen?

Und wie koagieren Jugendliche mit KI?

In einem anderen Projekt haben wir in einer achten Klasse einen argumentativen Text schreiben lassen. Die Jugendlichen hatten freie Hand im Umgang mit der KI. Wir haben beobachtet, dass sie sie hauptsächlich als eine Art Ghostwriter eingesetzt und Schreibaufgaben an sie abgegeben haben. Oder sie haben sie als Tutor genutzt und gefragt: Wie findest du meinen Text? Wir haben uns dann gefragt, was wir tun können, damit sie selbst aktiver sind, wenn sie mit der KI schreiben, und ein Unterrichtskonzept entwickelt. Dabei zeigt die Lehrkraft den Schülerinnen und Schülern, wie sie selbst promptet, und gibt ihnen dann ein Handout mit Tipps zum Prompten. Das hat dazu geführt, dass die Jugendlichen mit der KI plötzlich wie mit einer Schreibpartnerin koagiert haben. Sie haben ihr zum Beispiel gesagt: Sag mir nicht die Lösung, sondern gib mir erst mal nur Tipps für Formulierungen. Bei KIMADU wollen wir auf diese Erfahrungen aufbauen und außerdem Chatbots für bestimmte Aufgaben entwickeln.

Gehen Sie davon aus, dass sich durch den Einsatz von KI auch die typischen Aufgabenstellungen verändern werden?

KI ist ein guter Anlass, um unsere Aufgabenkultur zu überdenken. Der Schreibunterricht ist zum Beispiel oft auf das Schreibprodukt konzentriert, für das es dann eine Note gibt. Vorher gibt es in der Regel kein Feedback, aber genau das wäre wichtig: ein prozessbegleitendes Feedback und die Möglichkeit, den Text dann noch einmal zu überarbeiten, bevor er benotet wird. Darauf kann man sich mithilfe von KI stärker fokussieren. Zusätzlich sollte man auch stärker kooperativ an Aufgaben herangehen, also in Partner- und Gruppenarbeit das Austauschpotential nutzen, das das Schreiben mit KI bietet.

An den beteiligten Schulen sind alle Lehrkräfte für Deutsch und Mathematik indirekt am Projekt beteiligt. Wie haben Sie es geschafft, 25 Schulen für das Projekt zu gewinnen?

Wir hatten über 120 Bewerbungen! Das hat uns sehr gefreut. Sonst kostet es uns manchmal viel Zeit und Mühe, auch nur eine einzelne Klasse für ein Projekt zu gewinnen. KI ist aber offenbar ein besonderer Fall. Es ist eine revolutionäre Technologie, die sich direkt etabliert hat, auch unter Kindern und Jugendlichen. Die Schulen wissen, dass sie schnell und konstruktiv reagieren müssen, und wünschen sich wissenschaftliche Unterstützung. Das hat das Bildungsministerium erkannt, als es uns mit dem Projekt beauftragt hat. Dazu möchten wir nun einen Beitrag leisten.

Link zum Projekt: kimadu.de

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